Sonntag. Ich bin wieder zuhause angekommen und nach einem mehrstündigen Erholungsschlaf lasse ich das vergangene Wochenende Revue passieren.
Nun schon zum 11. Mal findet das saarländische Festival „Rock am Bach“ statt und nach kontinuierlichen Wachstum und immer „besser“ werdendem Lineup entwickelt sich das ursprünglich kleine regionale Festival zu einer etablierten Größe im Festivalsommer.
-Freitag-
Der 10.07.09, kurz nach 12. Ich habe mein Festivalbändchen am Arm und stehe nun mit meinen Freunden in der Schlange, um endlich den Campingplatz betreten zu dürfen. Laut Vorhersagen soll der Wettergott milde gestimmt sein und uns einen Guss ersparen, weshalb mir auch das gefühlt mehrere Dekaden dauernde Warten in der Schlange vor dem Campingplatz nicht die Laune verderben kann. Dafür ist die Vorfreude auf gute Musik und ausgelassenes Feiern zu groß. Während wir warten, muss ich mir das musikalische Fiasko einer Ärzte-Cover-Band anhören, welche auf der Perfect-Pain-Stage auf dem Campingplatz die Lieder der wohl bekanntesten deutschen „Dummlaberer“ zum Besten gibt.
Endlich. Wir sind am Eingang angekommen und der autoritäre Überwachungsblick eines Securities kollidiert mit meinem „Wann kann ich endlich ein Bier trinken“-Blick. Mehr oder weniger sorgsam wird meine Tasche nach Glasflaschen durchsucht, ohne Erfolg. Nach dieser Prozedur darf ich endlich den Campingplatz betreten. Als auch mein Gefolge den Kontroll-Vorgang hinter sich gebracht hat, suchen wir uns ein geeignetes Plätzchen, um uns niederzulassen. Dank meiner ausgezeichneten Beobachtungsgabe - der eines überbegabten Counterstrike-Spielers - finde ich nach kurzem Überblicken des im Vergleich zum Vorjahr ziemlich großen Campingplatzes eine geeignete Stelle. Nach dem wir uns scheinbar perfekt lokalisiert haben, erkennen wir schon nach wenigen Minuten den Haken an der großen freien Fläche. Unsere direkten Zeltnachbarn gehören zu dem Typ „Ich finde den Crazy Frog zum Totlachen und ich bestelle mir Bandshirts von Metallica und Slipknot im EMP. Dazu kauf ich noch ein cooles Megafon, damit ich auch genügend Aufmerksamkeit auf den Festivals erlange, weil ich diese in meiner Kindheit nicht erfahren habe.“ Warum ich so abwertend rede? Dazu kommen wir später.
So, die Zelte stehen. Ich habe es mir auf meinem Camping-Klappstuhl-Zweisitzer-Sitzbank-Dingens-Irgendwas bequem gemacht und genieße den ersten Gerstensaft für den Tag. Währenddessen packen meine Kumpanen ihr Gelumps aus und machen es sich in den Zelten heimisch. Nach und nach füllen sich auch die letzten größeren Lücken auf dem Platz und langsam aber sicher kommt das Festivalflair auf. Musik dröhnt aus allen Ecken, wenn man durch das Zeltermeer spaziert und man kann das berüchtigte „Klacken“ vernehmen, welches ertönt, wenn Bierflaschen aneinanderschlagen.
Noch immer spielt die Ärzte-Coverband und betreibt Gehörgangsvergewaltigung in höchst professionellem Ausmaß. Doch ich bin wohl nicht der Einzige, der so über die Besserwisserboys, wie sie sich nennen, denkt. Während sich ein paar Lauschende vor der Bühne befinden, kann man über den Campingplatz einige Protestrufe hören. Nachdem sie wahrscheinlich alle Lieder runtergedudelt haben, welche von den Ärzten jemals veröffentlicht wurden, hören sie dann doch irgendwann auf ihre Instrumente zu malträtieren und die Folter hat für mich endlich ein Ende gefunden.
Jetzt hat auch mich die Festivalstimmung in ihren Bann gezogen und so fällt das Fass dem Durst und Trinkwillen zum Opfer. Ich als Freund der härteren Musik mache mich, nachdem das leere Fass auf der Wiese rumeiert, mit zwei Freunden auf den Weg zum Festivalgelände, wo in einigen Minuten „The Red Chord“ spielen werden. Pflichtprogramm für jeden Deathcore-Fan. Doch bevor es zur Bühne geht, suche ich noch einmal 00 auf, damit mich während meines Musikgenusses nicht der Ruf der Natur ereilt. Bis jetzt ist die Sauberkeit in den Toilettenwägen noch im grünen Bereich und es gibt nichts zu bemängeln. Doch schon wenige Stunden später wird sich herausstellen, dass sich diese Verhältnisse verändert haben, weswegen ich in den nächsten Tagen die McDonalds-Toilette präferiere. Naja… ab zur Bühne. Das Quartett aus Massachusetts beginnt pünktlich. Derbe Shouts und tiefe Growls begleitet von brutalen Riffs auf der Gitarre und ein Wechsel aus Blastparts und Breakdowns ausgehend vom Schlagzeug dröhnen über das Festivalgelände. Mir gefällt’s sehr gut, aber mehr als eine gelegentliche Kopfbewegung mit dem Takt ist leider noch nicht drin. So geht es wohl dem Großteil der Menschenmenge und es bleibt vor der Bühne weitestgehend „gechillt“. Danach geben sich „Disco Ensemble“ die Ehre. Nicht mein Fall. Also mach ich mich auf und begebe mich wieder zum Camping-Platz, um den Tank nachzufüllen. Dort angekommen fließen die nächsten Liter Bier die Kehle runter und es wird über das gerade Gehörte gefachsimpelt. Währenddessen werden einige Dosen Ravioli geleert, das Hauptnahrungsmittel auf einem Festival. In der Ferne kann man die Musik von „Disco Ensemble“ hören und ich bereite mich schon einmal mental auf „Walls of Jericho“ vor, einer der Hauptgründe für mich, das Festival zu besuchen.